Bei all dem Reden über Amazon…

Bei all dem Reden über Amazon…

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… sei es über Leiharbeit, Sicherheitsfirmen mit rechtsextremem Hintergrund, schlechte Personaldienstleister, Lohndumping, unzumutbare Arbeitsbedingungen oder auch über die generelle Geiz-ist-geil-Mentalität vergeht einem aktuell fast schon ein wenig die Lust Geld auszugeben. Auch wenn ich gerne Geld spare, fragt man sich hier und da natürlich doch, zu wessen Lasten wir günstig einkaufen.
Amazon ist zugegebenermaßen meine erste Anlaufstelle, wenn es um Bücher oder DVDs geht. Doch nicht nur das, ich kaufe bei Amazon Spielsachen, Backformen und Kaffeemaschinen, Staubsauger und sogar Drogerieartikel. Es ist beinahe erschreckend, wenn ich mir die Liste der Bestellungen der letzten Jahre bei Amazon anschaue, wie viel Geld ich dort ausgegeben habe.

Geiz ist geil und Ikea ist günstig
Ich will mich gar nicht in betriebs- und volkswirtschaftliche Tiefen begeben, ich will nicht den Moralapostel spielen (wer bin ich denn?) und ich will mich über niemanden aufregen, der noch bei Amazon oder Lidl (darf man das vergleichen?) einkauft. Ich besitze ein Nokia Handy und ich habe früher bei Schlecker eingekauft, weil der direkt nebenan war und ich bequem. Ich kaufe manchmal Bio-Bananen, obwohl ich weiß, dass sie mit dem Flugzeug zu uns kommen. Ganz selten kaufe ich auch einmal ein Sommergemüse im Winter, obwohl ich weiß, dass es vermutlich nicht schmeckt, überteuert ist und dass „man“ so etwas nicht macht. Ich kaufe bei Ikea und suche zwei Stunden lang ein Regal im Selbstbedienungslager, obwohl ich weiß, dass Ikea mitnichten so günstig ist wie viele glauben und ich ein ähnliches Regal beim Händler nebenan vielleicht für den Preis sogar geliefert und aufgestellt bekäme. Bei teuren Anschaffungen frage ich im Geschäft nach einem Rabatt. Ich kaufe eine Brille bei einer der großen Ketten, obwohl ich den Optiker drei Orte weiter schätze. Ich kaufe Eier, obwohl ich weiß, wie viele männliche Küken dafür sterben. Und ich behaupte, dass viele von uns das so handhaben. Manchmal ist der Grund schlicht Nichtwissen, ein anderes Mal Bequemlichkeit, der nächste kann sich „Bio“, „FairTrade“ und die Unterstützung des teureren Einzelhändlers vor Ort schlicht nicht leisten.

Ich mache mir durchaus Gedanken um die Vorkommnisse bei Amazon – muss Amazon seine Leiharbeiter so behandeln, weil ich für mein Buch nicht mehr Geld ausgeben will? Muss Amazon überhaupt Leiharbeiter einstellen, weil ich das Buch sonst woanders kaufe? Kann der Paketdienst seinen Fahrern nicht mehr Geld bezahlen, weil ich im Internet Preise vergleiche? Habe ich kein Gewissen, weil ich mein Amazonkonto nicht sofort gelöscht habe und es vielleicht sogar weiternutze? Und sterben die männlichen Küken, weil ich Eier esse? Wo beginnt soziale Verantwortung und wo endet sie? Wo kann ich, wo können wir etwas bewegen und ändern? Woran tragen wir die Mitschuld?
Fragen, die ich mir stelle und die sich viele aktuell stellen. Was bewegen wir als Einzelperson und was in der Gruppe?
Ich habe vorhin eine kleine Überraschung für unseren Großen bei BabyWalz gekauft und einen Gutschein von Sparwelt genutzt. Ich kenne die Arbeitsbedingungen bei BabyWalz ebensowenig wie die bei Jako-o, BabyOne, Babymarkt oder Ernsting’s. Bin ich in der Pflicht, mich darüber zu informieren oder kann ich wahllos einkaufen? Worüber muss ich mir Gedanken machen und wie weit geht das? Darf ich mich über einen Rabatt oder ein Schnäppchen noch freuen?

Was denkt ihr?

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Kerstin ist Mama von vier wunderbaren Söhnen, einer redseligen kleinen Trulla und der Dezemberhexe. Sie baut Legotürme, stürmt mit wilden Playmobilpiraten kitschige Prinzessinnenschlösser und sucht täglich Antworten auf kuriose Kinderfragen.

6 Kommentare

  1. Ja, darüber habe ich mir auch schon Gedanken gemacht, wie weit man gehen muss/darf/kann, um zum einen unmoralisch handelnden Firmen nicht den Rücken zu stärken, aber andererseits die eigene finanzielle Bandbreite nicht zu überfordern oder die eigenen Zeitressourcen nicht überzustrapazieren.
    Eine Freundin von mir hat sofort ihr Amazon-Konto gelöscht. Ich hingegen nicht, weil ich kann nicht überall und alles korrigieren oder boykottieren. Sonst müsste ich komplett Selbstversorger werden und das geht nunmal in der Großstadt definitiv überhaupt nicht.
    Also kaufe ich weiterhin bei Amazon, nicht etwa weil dort die Bücher günstiger wären als woanders (die günstigen kaufe ich direkt beim Buchhändler vor Ort, ansonsten haben wir ja immer noch Buchpreisbindung), sondern weil es für mich manchmal einfach zeitsparender ist, wenn ich genau weiß, welchen Titel ich haben möchte und diesen dann sofort bestellen kann.
    Aber ich kaufe auch Gebrauchsartikel wie Schlafsäcke oder Elektrogroßgeräte wie Kühlschränke bei Amazon. Ich finde es einfach bequemer, weil ich schön vergleichen kann, nicht stundenlang durch Elektrogroßmärkte tingeln muss und das Gerät wenn ich möchte auch 2-3 Tage später in der Wohnung steht.
    Was die Händler vor Ort vs. Online-Händler betrifft, so ist es hier für mich eine ganz klare Geldfrage und keine Geizfrage. Ich kann es mir absolut nicht leisten bis zu 100 % mehr vor Ort als per Internet für die gleiche Ware zu zahlen.
    Jetzt muss ich mich gerade wirklich bremsen, sonst setze ich dir hier noch einen Roman ins Kommentarfeld – vielleicht sollte ich auch mal was drüber bloggen ;-)
    Fazit: Nein, wir müssen uns nicht dafür schämen, wenn wir auch Gutscheine wahrnehmen um Schnäppchen zu machen http://www.fraumama.de/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_cool.gif

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    • Ich schätze Amazon hauptsächlich wegen des gebotenen Service, u. a. was Rückgabe, Reparaturen usw. angeht. Die Lieferzeit hat in den letzten Wochen zugenommen, manchmal frage ich mich, wofür ich eigentlich Primekunde bin, wenn die Pakete trotzdem 2-3 Tage brauchen (aber ich weiß schon, warum.. diese vielen kleinen Produkte unter 20 € …).
      Ich sehe das schon wie du, man kann nicht überall darauf achten, wo und was man kauft, man kann nicht überall Arbeitsbedingungen hinterfragen, aber man kann schon hier und da handeln, wenn man nicht konform geht mit den Methoden. Und ja, ich mag unseren Optiker, der will für die Brille allerdings über 100 % mehr.

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  2. Einerseits wäre es gut, wenn wir alle unser Kaufverhalten überprüfen.
    Wenn ich z.B. bei Amazon eine CD kaufe, liegt deren Preis dort wahrscheinlich unter dem Einkaufspreis meines Händlers vor Ort.
    Eine solche Entwicklung kann allen Beteiligten nicht gut tun.
    Andererseits ist es blauäugig zu glauben, dass niedrige Preise an den Einkünften des Inhabers oder gar der Anleger zehren.
    In solchen Fällen wird meistens an der Qualität und Lohnkosten gespart.
    LG
    Sabienes

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    • Wenn man sich einmal ansieht, wie viel Geld Onlineshops in Werbung stecken (brauchen Amazon und Co diese wirklich noch so extrem?) fragt man sich schon auch, wieso da ganz am Ende so wenig Geld übrig bleibt für die, dir dort arbeiten.

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  3. Gleich sein Amazon-Konto zu löschen halte ich für übertrieben. In fast jedem Logistikzentrum herrschen solche Zustände und das Leiharbeiter benachteiligt werden ist doch nichts neues. Würden sich die Leute mehr mit dem Thema auseinandersetzten würden sie jetzt nicht so überrascht tun. Wie war das mit Zalando?

    Wie Sabine schon sagte da müsste ich dann wohl alles boykottieren und das können sich viele nicht leisten. Da finde ich müsste die Politik endlich mal eingreifen und beispielsweise branchenweit Mindestlöhne einführen. Vielleicht wird sich dann etwas ändern. Wer weiß wieviel Geld der Einzelhändler um die Ecke seinen Angestellten zahlt.

    Ich bin auch der Meinung das eigentlich Leiharbeitern mehr Geld als den Stammmitarbeitern gezahlt werden sollte. Dann gehört z.B. die Angst der Stammmitarbeiter, das Leiharbeiter ihre Stellen verdrängen könnten, zur Vergangenheit an. Außerdem müssen die Leiharbeiter immer gleichbleibende Leistungsfähigkeit zeigen, am besten nie krank seien, übermäßige Flexibilität zeigen ( 1x Tagschicht, am nächsten Tag Nachtschicht und am übernächsten Tag vielleicht in einer anderen Firma) Außerdem haben sie ein erhöhtes Risiko das sie am nächsten Tag schon keine Arbeit mehr haben, ständigem Druck ausgesetzt, meist nur kurze unbefristete Verträge und was mich am meisten stört sie bekommen fast keine Kredite aufgrund der Unbefristheit.

    Meist bekommt man in der heutigen Zeit kaum noch Arbeit außer in einer Zeitarbeitsfirma. Muss man nur mal zur Arbeitsagentur gehen. Als erstes wird einem die Zeitarbeitsfirma aufgeschwatzt oder besser gesagt man muss sich da noch bewerben. ( Thema zumutbare Arbeit ) Das wird dann auch noch von der Politik unterstützt. Na klasse

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  4. Als Konsument trägst du nun wirklich keine Schuld. Die ist ganz allein bei A……n zu suchen, denn der Konzern will extrem schnell wachsen und ist auf die „schnellen Marktanteile“ aus.

    Was bei den Mitarbeitern nun aufgekommen ist, ist gegenüber Händlern schon lange übliche Praxis. Ein externer Händler verkauft erfolgreich das Produkt X für 50 Euro, was auch der UVP des Herstellers ist. Amazon screent den Markt nach solchen Dingen und kauft im nächsten Schritt selber direkt beim Hersteller ein und verkauft für 40 Euro. Da der Händler auch noch die A…..n Gebühren zahlt, wird es nun eng für den Händler, der seine Mitarbeiter fair bezahlt. Zudem kaufen die Leute ja lieber direkt bei Amazon, da man ja „noch“ mehr Vertrauen hat.

    Durch das Runterdrücken der Preise wirds natürlich auch für Amazon enger und die Mitarbeiter bleiben auf der Strecke.

    Alles reine Konzernpolitik! Natürlich kauft jeder Konsument dort, wo es am Günstigsten ist. Das ist Angebot und Nachfrage.

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