Tabuthema Kinderwunschbehandlung

Tabuthema Kinderwunschbehandlung

Wer drei Kinder in 2,5 Jahren bekommt und nach einem weiteren Jahr ein viertes erwartet, kann sich ob seiner Fruchtbarkeit sehr glücklich schätzen. Manch böse Zunge behauptet gar, man hätte keine anderen Hobbys. Haben wir aber, auch wenn man das vielleicht nicht annehmen mag.

Hätte uns im Jahr 2006 jemand gesagt, dass wir in den nächsten Jahren nicht nur eines, sondern gleich vier Kinder haben würde, wir hätten nicht nur ungläubig mit dem Kopf geschüttelt, vermutlich hätte ich mich ob des mangelndes Taktgefühls meiner Mitmenschen ein paar Monate lang weinend in ein stilles Kämmerchen zurückgezogen. Manchmal ist nicht alles so wie es scheint und nicht selten trampeln wir – und ich sage ausdrücklich „wir“ – in ein Fettnäpfchen, wenn es darum geht, unsere eigene Neugierde zu stillen.
„Ihr seid doch schon zwei Jahre verheiratet – wollt ihr nicht endlich einmal Kinder bekommen?“, ist eine Frage, die vielleicht auch du schon einer Freundin gestellt hast.

Ungewollte Kinderlosigkeit:

Jedes 6. Paar in Deutschland ist ungewollt kinderlos. Das bedeutet rein statistisch, dass auch unter deinem Freundeskreis, zu dem vielleicht mehr als 6 mal 2 Personen gehören, mindestens ein Pärchen ist, das nicht bewusst keine Kinder hat, sondern deshalb keine Kinder hat, weil es nicht für jeden ein Kinderspiel ist, Kinder zu zeugen.
Die Ursachen ungewollter Kinderlosigkeit sind vielfältig. Bei etwa einem Drittel der Paare trifft den Mann die Schuld, bei einem weiteren Drittel die Frau, ein drittes Drittel ist gemeinsam schuldig oder vollkommen unschuldig bzw. findet sich gar nicht erst eine Ursache dafür, dass es nicht klappt mit dem Babyglück. Schuld ist ein sehr unschönes Wort in diesem Zusammenhang, denn Schuld impliziert Versagen, Schuld impliziert eigene Unzulänglichkeit und Schuld impliziert auch, dass man selbst dafür verantwortlich ist. Dies ist mitnichten so.
Abgesehen von Alkohol, Nikotin und Drogen, die die Fruchtbarkeit senken oder verringern, liegen die meisten Ursachen ungewollter Kinderlosigkeit nicht an eigenem Verschulden. Das heißt aber auch, dass es keinen Grund gibt sich dafür zu schämen.

Und dennoch haben viele ein großes Problem damit, dass ihr Körper nicht richtig funktioniert – und das betrifft nicht nur Frauen, sondern auch Männer. Das Thema ist in unserer Gesellschaft dermaßen tabuisiert, dass deshalb Kinderwunschbehandlungen auch heute noch verschwiegen werden, auf die Frage, weswegen man keine Kinder hat, nicht selten mit „weil ich keine will“ geantwortet wird und dass kinderlose Paare sich von Paaren mit Kind zurückziehen.

Doch, was tut man dagegen? In die Welt hinausgehen mit einem Shirt mit Aufschrift „ich bin unfruchtbar“? Wohl eher nicht. Es ist eine sehr schwierige Situation für jeden Betroffenen und auch für das Umfeld.
Aufklärung ist das Stichwort und daran versuche ich mich gerade.

 

Künstliche Befruchtung und Kinderwunschbehandlung

Die meisten kennen künstliche Befruchtungen aus dem Fernsehen, – vorzüglich werden in Reportagen Frauen vorgestellt, die die 18. künstliche Befruchtung hinter sich haben, sich nicht davon abbringen lassen, 18 weitere über sich ergehen zu lassen und zuhause bereits seit 18 Jahren ein fertig eingerichtetes Kinderzimmer besitzen. Für Außenstehende wirkt das verrückt und krank und oft habe ich das Gefühl, dass es bei solchen Aufklärungsberichten genau darum gehen soll. Beschrieben werden Paare Mitte 40, denen dank Karriere erst in höherem Alter einfiel, dass sie eigentlich Kinder wollten und deren Hormonsituation nicht mehr die attraktivste ist. Dass Unfruchtbarkeit aber mitnichten nur solche „Klischeepaare“ trifft, bleibt unerwähnt. Unfruchtbarkeit und Sterilität betrifft jedes 6. Paar und das nicht erst ab 40. Ich war keine 25 Jahre alt als mich bzw. uns diese Diagnose ereilte.

Wisst ihr, da nimmt man ein Jahrzehnt lang die Pille und macht sich einen Kopf, wenn man sie auch nur ein einziges Mal vergisst und dann setzt man sie ab und es passiert: nichts. Genau, gar nichts. Man wird im ersten Monat nicht schwanger, im zweiten nicht, im dritten nicht und auch im 15. nicht. Einfach so – und das, obwohl Unfruchtbarkeit ja eigentlich nur die Generation 40+ betrifft… Ja, natürlich auch ich hatte solche Vorurteile bevor wir in die Kinderwunschmaschinerie einstiegen.

Was passiert in einer sog. Kinderwunschpraxis?
Und nein, eine Kinderwunschbehandlung beginnt nicht damit, dass man sich auf einen Sessel legt und sich befruchtete Eizellen einsetzen lässt. Bis es so weit ist, vergehen Monate und manchmal auch Jahre. Vor einer eigentlichen Behandlung steht die Diagnostik an und diese ist im Bereich der Kinderwunschbehandlungen breit gefächert. Von der harmlosen Bestimmung von Blut(hormon)werten und Spermiogrammen bis hin zu Bauchspiegelungen ist das Spektrum sehr weit und nicht immer endet eine Vorstellung in einer Kinderwunschpraxis bei einer Invitrofertilisation.
Deshalb tatsächlich meine Empfehlung: wenn es mit dem Schwangerwerden nach 9-10 Monaten noch nicht geklappt hat, darf man durchaus direkt einen Termin in einer sog. Kinderwunschpraxis vereinbaren. Leider habe ich selbst die Erfahrung gemacht, dass viele Frauenärzte auf dem Gebiet des Kinderwunschs nicht so bewandert sind, so dass ich an der Stelle Profis ans Werk lassen würde. Manchmal ist die Ursache des nicht eintretenden Schwangerschaftsglücks einfach zu beheben und die Behandlung binnen weniger Wochen abgeschlossen. Nicht jeden, der in eine Kinderwunschpraxis geht, erwartet am Ende eine echte künstliche Befruchtung wie eine ICSI oder eine in vitro fertilisation. Auch für die Abklärung wiederholter Fehlgeburten sind derartige Praxen zuständig und die richtige Anlaufstelle.

Bis man z. B. bei einer IVF im Ausland angelangt ist oder für eine IVF Tschechien wählt (was aus unterschiedlichen Gründen sinnvoll sein kann – das Thema gibt einfach zu viel her als dass man es umfassend in 1000 Wörtern erklären könnte), ist es ein weiter Weg. Und Kinderwunschbehandlung bedeutet eben nicht sofort 18 Behandlungen und ein seit 10 Jahren bereitstehendes Kinderzimmer.

Nun habe ich so viel geschrieben und bin nicht einmal auf einen Bruchteil dessen eingegangen, was ich eigentlich schreiben wollte. Was ich aber ausdrücklich sagen will, ist: ein sich nicht erfüllen wollender Wunsch nach einer Schwangerschaft ist nichts, wofür man sich schämen muss. Eine Kinderwunschbehandlung ist nichts, das man verheimlichen muss und ich plädiere ausdrücklich dazu, darüber zu sprechen. Ich verstehe, dass das im Einzelfall nicht immer möglich ist und es man z. B. seinem Arbeitgeber nicht auf die Nase binden will (…), aber man wird sehr schnell feststellen, dass man mit diesem Problem nicht alleine dasteht.
Ich habe mir fest vorgenommen, in den nächsten Monaten auf einige wichtige Aspekte von Kinderwunschbehandlungen einzugehen und ein bisschen Aufklärungsarbeit zu leisten.

Was ich aber vorwegnehmen kann, ist: am Ende hat sich der Weg, der über viele viele Monate steinig und hart war, zumindest für uns gelohnt!

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Kerstin ist Mama von vier wunderbaren Söhnen, einer redseligen kleinen Trulla und der Dezemberhexe. Sie baut Legotürme, stürmt mit wilden Playmobilpiraten kitschige Prinzessinnenschlösser und sucht täglich Antworten auf kuriose Kinderfragen.

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3 Kommentare

  1. Ui, da bin ich aber mal gespannt, aa wir leider auch davon betroffen sind. Auch wir haben (bisher) wenige Leute eingeweiht, weil wir bislang fanden, dass es ein sehr privates Thema ist. Es wussten nur sehr enge Freunde und unsere engste Familie Bescheid. Gezwungenermaßen mussten wir unsere Arbeitgeber einweihen, weil es auf Dauer nicht mehr aushaltbar war, irgendwelche Lügen für spontane Urlaube, Termine usw. zu erfinden. Wir sind mittlerweile zu dem Entschluss gekommen, dass wir es ja nicht jedem direkt auf die Nase binden müssen, aber dann vl. antworten: „Bei uns ist es eben nicht so leicht“…. Wie oben geschrieben, ich bin schon sehr gespannt auf Deinen Bericht. LG

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  2. Hallo Kerstin,

    schön, dass Du das Thema mal aufgreifst, es gibt einfach zu viel Klischee dazu :-(

    Ich habe zwar ein Kind bekommen, aber das dauerte schon 8 Jahre ( 3 Beziehungen ) und nach dem Kind wollte es nicht mehr klappen. Wir haben inzwischen aufgegeben, weil eine Kinderwunschbehandlung einfach zu teuer wäre, schade eigentlich. Ich ertappe mich auch ganz oft, dass ich auf Fragen wie „wo bleibt den das Geschwisterchen“ usw dann sage, dass wir ein Einzelkind wollten, aber innerlich gibts Tränen, sie sollte eigentlich kein Einzelkind bleiben :-(

    Ich freue mich auf weitere Artikel dazu, das Thema ist echt spannend, und Personen, die wirklich schonmal betroffen waren, können dazu am besten aufklären.

    Und ihr habt 3 goldige Kinder, sei Euch vom Herzen gegönnt http://www.fraumama.de/wp-content/plugins/wp-monalisa/icons/wpml_rose.gif

    Lg Carmen

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  3. Das ist ein sehr einfühlsamer Artikel, liebe Kerstin, der vielen Paaren bestimmt aus der Seele spricht. Viel wichtiger aber – Deine Zeilen bieten Unterstützung und Verständnis auch vielen Noch-Nicht-Eltern.
    Herzliche Grüße
    Dita

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