Wenn die Kinder im Sommer von Weihnachten und Plätzchen sprechen

Wenn die Kinder im Sommer von Weihnachten und Plätzchen sprechen

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Gestern war ein wundervoller Sommertag. Die Sonne schien, es war angenehm warm und die Kinder tobten im Garten. Sie verkauften imaginäres Eis, sprangen ausgelassen durch die Restpfütze im Planschbecken und freuten sich ihres Lebens. Es war herrlich entspannend, ihnen dabei zuzusehen. Ich saß auf dem Gartenstuhl, beobachtete das fröhliche Treiben, sah dem Kater nach, wie er einen Falter jagte und wunderte mich mit einem Mal über diese Ruhe um mich herum, die so ganz plötzlich eingetreten war. Stille – absolute Stille ist bei uns immer verdächtig und vor ein paar Tagen endete sie darin, dass wir alle gemeinsam eine halbe Stunde lang den Kinderzimmerboden, das Bett, die Wand und das Bad saubermachen mussten, weil die Kinder „kreative Ideen“ hatten, die irgendetwas mit Stiften und Zahnpasta zu tun gehabt hatten… Gestern nun fanden meine Augen die Kleinen tuschelnd am Klettergerüst. Sie besprachen sich und schickten den Besserwisserboy vor, um mich etwas zu fragen. Ich ahnte das Schlimmste und formulierte gedanklich bereits eine „Nein“-Antwort mit diversen Standardargumenten, als das Kindchen loslegte: „Du, Mama“, sprach es, „es ist viiiiiel zu heiß! Können wir bitte ins Haus gehen und aus dem Backbuch Plätzchenrezepte heraussuchen, die wir an Weihnachten backen?“

Ich kann mir vorstellen, dass einige von euch nun genauso verstört schauen, wie ich es getan haben muss. Es ist Anfang August und damit irgendwie Hochsommer – auch wenn uns die Lebkuchenhersteller in den kommenden Tagen mit ihren Auslagen im Supermarkt gewiss etwas anderes einreden wollen.

Irritiert ging ich mit den Kindern ins Haus, drückte ihnen ein Backbuch und auf Wunsch auch Zettel und Stifte in die kleinen Hände und saß ab diesem Zeitpunkt ganz alleine in der Küche, wo ich auf die Ergebnisse der Aktion warten sollte.

Bald ist Weihnachten und das Gefühl von Zeit

Christbaum lila weinrot

Als ich die Spülmaschine ausräumte und den Boden kehrte, dachte ich nach. Über Weihnachten, Plätzchen, meine Kindheit, das Gefühl von Zeit und darüber, wie es sich im Laufe der Jahre verändert hatte. Als ich ein Kind war, dauerte ein 24 h-Tag mindestens 60 Stunden. Heute, mit Mitte 30, vergehen die Tage, Wochen, Monate und Jahre wie im Flug – besonders seitdem wir Kinder haben. Dachte ich. Ganz so ist es allerdings nicht.

Eigentlich ist die Sache mit der gefühlten Zeit ziemlich einfach, wenngleich auch paradox:
In Situationen, in denen wir viel Neues erleben oder sehen, vergeht die Zeit rasend schnell. Dies ist zum Beispiel bei Urlauben oder Freizeitparks, die wir zum ersten Mal besuchen, so. Wir sind beschäftigt, haben Spaß, sind abgelenkt und die Zeit ist in solchen Momenten ganz unwichtig. Das Spannende nun aber ist: Im Nachhinein wird es uns so vorkommen als wären wir quasi Monate im Urlaub gewesen. Wir erinnern uns an jedes Detail, an jeden Ausflug, jeden Strandtag und holen auch Jahre später noch hunderte Erinnerungen aus dem Urlaub wieder zurück. Später wird es uns also so vorkommen, als wären wir ewig im Urlaub gewesen. Alltag, Routine und Langeweile dagegen sorgen dafür, dass die Tage gefühlt wieder länger werden und manchmal vielleicht auch gar nicht vergehen wollen. Zurückblickend kommen uns solche Tage allerdings deutlich kürzer vor als in der Situation selbst.
Zum Thema Zeitgefühl gibt es interessante Studien, die alle in etwa zum selben Ergebnis kommen: Wer wenig Spannendes und Neues erlebt, hat – im Rückblick – das Gefühl, die Zeit wäre nur so dahingeflogen. Einprägsame Erlebnisse wie z. B. die erste große Liebe, der erste Kuss, das erste Mal, die erste Trennung oder auch die erste Wohnung, die mit starken Emotionen verhaftet sind, sorgen dafür, dass uns die vergangene Zeit viel länger vorkommt. Spannend, oder? Und das wiederum bedeutet nicht nur, dass wir auch als Erwachsene und Mittdreißiger viel mehr erleben sollten, um die gefühlte Zeit wieder länger erscheinen zu lassen, sondern auch, dass Zeit immer relativ zu sehen ist.

40 Minuten waren mittlerweile vergangen, als der Besserwisserjunge mit einer langen Liste in die Küche kam: „Das sind die Seitenzahlen zu den Plätzchen, die wir an Weihnachten backen wollen. Wir haben gleich noch drei andere Backbücher angeschaut.“ Ich staunte nicht nur über die Liste und den Ehrgeiz, den die Kinder an den Tag gelegt hatten, sondern noch ein wenig mehr über seinen weisen Nachsatz. Er sah zum Kalender und sprach: „Nun müssen wir Monate warten bis wir Plätzchen backen können. Weihnachten ist ja erst im Dezember. Aber dann, Mama, wird es uns vorkommen, als hätten wir die Rezepte erst gestern herausgesucht.“

 

Übrigens: In der Zeit, in der ihr diesen Artikel gelesen habt, haben andere Menschen in Deutschland 813.300 € für Weihnachtsgeschenke ausgegeben und das ganz bestimmt auch deshalb, weil sie aus Erfahrung wissen, dass Weihnachten gefühlt schon morgen ist. Außerdem werden auch dieses Jahr wieder 12.000 Weihnachtsbäume brennen, wir werden wie jedes Jahr darüber diskutieren, ob der Weihnachtsmann oder das Christkind die Geschenke bringt und ich werde Carsten nicht verraten, dass laut der Infografik der Großteil der Deutschen das so sieht wie er.

Jedenfalls weiß ich bereits heute, dass ich trotz der besten Planung spätestens am dem 20. Dezember wieder gestresst sein werde, weil Weihnachten am Ende wieder ganz plötzlich da war und keiner damit gerechnet hatte…

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Kerstin ist Mama von vier wunderbaren Söhnen, einer redseligen kleinen Trulla und der Dezemberhexe. Sie baut Legotürme, stürmt mit wilden Playmobilpiraten kitschige Prinzessinnenschlösser und sucht täglich Antworten auf kuriose Kinderfragen.

Ein Kommentar

  1. Normalerweise kaufe ich meine Geschenke auch schon im Juni, also die für Weihnachten, haha, doch dieses Jahr bin ich echt spät dran, ist August und ich hab noch kein einziges

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