Als ich am 03. Februar um kurz nach 1 Uhr ins Bett ging, hatte ich schon eine Vorahnung, dass die Geburt noch in der selben Nacht starten würde. Es war zwei Tage nach dem errechneten Geburtstermin und ich war die Stunden vorher schon unruhig, rastlos und innerlich aufgewühlt. Ich sprach es nicht an, aber es muss in der Luft gelegen haben, denn auch der Zwergenkönig sagte beim Zubettgehen, dass das Baby bestimmt noch diese Nacht kommt. In den Tagen vorher hatte er jedes Mal bekräftigt, dass er sich ganz sicher sei, dass das Baby heute noch nicht geboren würde.

Auch Carsten muss es geahnt haben, als er – auch erst kurz vor 1 Uhr – zu Bett ging. Er sah zur Uhr, schaute mich an und sprach: „Bitte nicht heute, ja?“ Unsere Blicke sprachen Bände.

Ich versuchte, mich zu beruhigen und drückte im Bett noch recht wahllos auf dem Handy herum. Der Zwergenkönig lag neben mir. Ich war noch im Halbschlaf, als es das erste Mal im Bauch zog. Es war Samstag, mitten in der Nacht, es schneite ein wenig und der Wetterdienst hatte Glatteis vorhergesagt. Für die Nacht hatten wir keine sichere Kinderbetreuung und der Zeitpunkt war alles andere als ideal. Ich redete mir etwas von Vorwehen ein und versuchte zu schlafen. Die Augen geschlossen, meinen Arm um den Zwergenkönig gelegt und mit irgendetwas von „bitte heute nicht“ im Kopf, veratmete ich „Vorwehen“. Wenn ich die Augen nicht öffnen würde, würde ich vielleicht einfach einschlafen, dachte ich, und meine Gebärmutter lachte sich tot über meine grenzenlose Naivität.

Es war kurz vor 3 Uhr nachts, als ich aufstand, weil ich Angst hatte, den Zwerg beim Umarmen unter den „Vorwehen“ zu erdrücken. Zwischenzeitlich hatte ich mir eine Wehen-App installiert, die etwas von „Ihre Wehen dauern länger als 30 Sekunden, die Geburt startet jetzt wahrscheinlich“ und „Fahren Sie so schnell wie möglich ins Krankenhaus, der Wehenabstand liegt unter 2 Minuten“ schrieb während ich mir ein Shirt anzog und Carsten weckte. Sein „Och nö, nicht jetzt!“ klang wenig begeistert, die Nachfrage, ob ich sicher sei, dass es jetzt losgeht, beantwortete die nächste Wehe, die schon ordentlich schmerzhaft war und mit Pressdrang daherkam. Die nächste Stunde verbrachte ich abwechselnd auf der Toilette, im Flur, auf der Treppe und in der Dusche während Carsten die Kinder nacheinander weckte, anzog und ins Auto verfrachtete.

Als wir losfuhren, war es 4:23 Uhr und ich musste mich auf der Fahrt sehr beherrschen, die immer noch in kurzem Abstand auftretenden Wehen zu veratmen. In den Zeiten dazwischen erklärte ich den Kindern, was gerade im Bauch passiert, versuchte, ihre Fragen zu beantworten und hoffte mir nichts mehr, als endlich im Klinikum anzukommen und irgendein Schmerzmittel.

Wie schon bei der Geburt der kleinen Hexe wurde mir jeweils zwischen den Wehen schwindelig und schlecht. Es war 05:14 Uhr, als wir im Krankenhaus ankamen. Kurz machte sich Erleichterung breit, die mit der nächsten Wehe jedoch sofort wieder verschwand. Mein Körper schrie nach einer PDA, meine Psyche nach einer Vollnarkose. Ich war völlig verkrampft, zwischen den Wehen waren kaum mehr Pausen und als ich im Kreißsaal ankam, fragte ich direkt nach einem Schmerzmittel.

Die Schwester brachte mich in einen Wehenraum und schloss mich ans CTG an. Die Frage, ob ich lieber sitzen oder liegen wollte, beantwortete ich mit „stehen und gehen“. Um ein schönes CTG zu schreiben, sollte ich besser sitzen, was ich versuchte, aber nach der ersten Wehe direkt wieder verwarf. Die Schwester versicherte, eine Hebamme zu holen während ich angebunden an ca. zwei Meter lange Kabel rastlos umherlief. Ich klingelte nach einiger Zeit wieder, um nach irgendeinem Schmerzmittel zu fragen. Sie kam, erklärte, dass sie mir nichts geben darf und ich auf die Hebamme warten müsse, die sie noch einmal informieren würde. Es war wohl etwa 6 Uhr, als eine Hebamme kam, nach dem Muttermund sah und mir erklärte, dass sie mir außerhalb des Kreißsaals weder eine PDA noch Lachgas noch sonst irgendetwas geben dürfe – und leider seien aktuell alle Kreißsäle belegt. Ich sah sie an, spürte die nächste Wehe und bekam Mordgelüste fragte sie, ob sie das ernst meine. „Es tut mir leid, aber das ist wirklich so“, sprach sie und sah ähnlich verzweifelt aus wie ich. Sie nuschelte irgendetwas von „klären gehen“ und verließ den Raum. Ich kann rückblickend nicht sagen, ob ich ihr wirklich noch erklärt habe, dass ich in eine andere Klinik will, weiß aber, dass so ein Gespräch zumindest in meinem Kopf stattfand. Nebenbei hörte ich zwei andere Frauen lauthals aus anderen Kreißsälen fluchen und nach Gott schreien und hoffte, dass es bei wenigstens einer davon bald vorbei sein würde. Ich wollte endlich sterben eine PDA.

Einige Minuten später kam die Hebamme zurück und erklärte, sie hätte doch noch einen freien Kreißsaal gefunden. Man kennt das, wenn man manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht und sich plötzlich nie geahnte Kreißsäle in einem Klinikum auftun…

Mir war schlecht und schwindelig und ich mochte nicht mehr. Der Zeitpunkt bei einer Geburt, bei dem ich mittlerweile schon weiß, dass es jetzt zu spät ist für eine PDA. Irgendwie kam ich in den Kreißsaal am Ende des Gangs und dort ans Lachgas. Ich sagte noch, dass ich das Teufelszeug bei der letzten Geburt schon schlecht vertragen hatte, griff bei der nächsten Wehe aber dennoch zur Maske.

Die nächste halbe Stunde bis Stunde ist in meiner Erinnerung nur noch bruchstückhaft vorhanden. Die ersten Züge des Lachgases brachten keine Wirkung, die weiteren versetzten mich in einen Zustand zwischen Himmel und Erde, den ich meinem schlimmsten Feind nicht wünsche.

Alles war plötzlich weit weg. Ich hörte eine dumpfe Stimme, verstand aber nicht, was sie sagte. Meine Augen zuckten im Zickzack zwischen den Deckenstrahlern. Links, rechts, unten, oben, links eine Tür, rechts eine Tür, Schmerz, schrecklicher Schmerz, Herzgeräusche im Hintergrund, das Gesicht einer Frau, das mein Gesicht festhält und irgendetwas spricht. Ich werfe mich hin und her und schreie irgendetwas, das ich aber nicht höre. Gedanken, die Karussell fahren. Bin ich gerade eingeschlafen? Ist es hell oder dunkel? Nacht? Tag? Fühlt sich so der Tod an? Schwebe ich? Tock-tock tock-tock tock-tock. Wo bin ich? Wer bin ich und wieso kann ich meine Augen nicht mehr steuern? Fuhren wir gerade noch ins Klinikum oder träume ich? Ich muss aus diesem gottverdammten Traum raus. Augen rechts, links, unten, oben, gleich kommt wieder dieser Schmerz. Es fängt immer wieder von vorne an. Die Reihenfolge ist immer identisch und während der Schmerzen möchte ich aufwachen oder sterben. Egal was, aber es soll aufhören. Wieder ein Gesicht, eine Fratze, ich schreie irgendetwas oder irgendwen an. Deckenstrahler, Licht, rechts, links, unten, oben, links eine Tür, rechts eine Tür, ich weiß schon: Jetzt kommt wieder dieser Schmerz. Was passiert hier eigentlich? Warum ist mir so heiß? Bin ich eingeschlafen? Meine Augen drehen sich im Kreis und da ist niemand. Der Raum ist leer. Tock-tock. Tock-tock, tock-tock. Ein neues Gesicht vor meinem. „Hallo? Ist das echt?“, frage ich und wieder sehe ich die Deckenstrahler. Rechts, links, unten, oben, die Türen der Schmerz. Ich brülle und irgendwer schreit mit. Ich werfe irgendetwas um mich, ich werfe meinen Körper hin und wieder her und zurück. Ich weine vor Schmerzen und aus Verzweiflung und weil ich da weg will. Ich kann meine Augen nicht steuern, ich sehe nichts, ich schlafe ein, wache auf und immer wieder beginnt es von vorne. Niemand holt mich aus diesen Episoden heraus. Die Deckenstrahler, die Türen, der leere Raum, Gesichter, dieser gottverdammte Schmerz und ich weiß nicht, ob das alles gerade auch wirklich so passiert. Ich fühle mich wie in einem Koma, bei dem niemand mitbekommt, dass ich da bin und keiner mir helfen kann – und ich kann auch nichts tun. Manchmal ist da ein Gesicht und dann ist der Raum wieder leer. Die Deckenstrahler. Die Türe. Meine Augen. Und die Frage, was überhaupt los ist. Tock-tock, tock-tock, tock-tock. Und dieser… Schmerz! Ich schreie und brülle und fluche und dann tut es ein letztes Mal noch mehr weh als vorher, ich höre eine Stimme ganz weit weg, die ungefähr „Das ging viel zu schnell“ sagt und es ist still.

Die Deckenstrahler. Die Türen. Stille. Mir ist immer noch so warm. Ich starre die Lichter über mir an. Irgendwer fasst mich am Arm an und ich sehe wieder dieses Gesicht. Ich habe Angst, dass alles wieder von vorne losgeht und sehe mich erneut im Deckenstrahler-Tür-Schmerz-Modus, aber irgendetwas ist anders als vorher.

„Wollen Sie Ihr Baby nicht halten?“, fragt ein anderes Gesicht und ich sage: „Das hier ist wirklich echt, ja?“ Das Gesicht hält mir ein Baby hin, ich bin aber immer noch nicht richtig anwesend. Ein weiteres Gesicht kommt zur Türe herein und mit ihm ein Gedankenblitz. Es ist die Schülerin, die mich irgendwann vorhin fragte, ob ich wirklich eine PDA will. Ich lächle, denn auch sie ist echt. Ich sehe sie genau an und sage: „Ich bin so froh, dass es Sie auch wirklich gibt!“

Auch das Gesicht mit dem Baby in der Hand kommt mir jetzt vertraut vor. DAS hier ist wirklich real und dieses Baby MEIN Kind. Der Raum ist ein Kreißsaal und die Deckenstrahler sind immer noch viel zu hell, aber sie bereiten mir keine Angst mehr.

Die Hebamme legt mir das Baby auf die Brust. Es ist warm und so wunderbar weich. Ich zittere. Ich weine. Ich bin zurück – und Du bist da!

 

Dieser Moment, dieses Wunder, wir sind gemeinsam angekommen.

Dein Start ins Leben hätte schöner sein können, sanfter sein müssen und hat auch Dir nicht gut getan. Es ist nicht alles vergessen, aber jetzt bist Du da. Du kleines Ich, Du kleines Du, Du Bündel Glück.

Nummer 7, der kleine Kobold. Wir freuen uns auf die Reise mit Dir, auf Dein erstes Lächeln, das erste Greifen, den ersten Schritt.

Du bist angekommen und mit Dir auch wir.

SSW 40+2
Samstag
3. Februar 2018
Der kleine Kobold ist geschlüpft!

Baby am Tag der Geburt

 

 

 

 

Nachtrag: 

  • Die Hebammen bestätigten, dass meine Episoden auch von außen ziemlich verrückt aussahen und deutlich war, dass ich überhaupt nicht anwesend war. Warum mir niemand dieses Teufelszeug wegnahm, kann ich aber auch nicht sagen. 
  • Die Anfangswerte des Kleinen sprechen dafür, dass er ziemlichen Stress unter der Geburt hatte. Mittlerweile ist zum Glück wieder alles gut.
  • Irgendwie war danach tatsächlich alles okay. Freunde werden das Lachgas und ich aber trotzdem nicht mehr.