Mein Artikel über den widerlichen und nicht wirksamen Wehencocktail war gerade ein paar Stunden alt. Ich lag auf meinem Krankenhausbett und schrieb noch ein paar Nachrichten, ging gegen 23 Uhr noch spazieren, dachte über die letzten Geburten nach und darüber, dass wir bei den letzten dreien meine Mutter jeweils morgens informiert hatten, dass das Baby schon da ist und sie doch nicht auf die Kinder aufpassen muss, weil alles zu schnell ging. Ich haderte mit der Situation, ärgerte mich und phantasierte den Ablauf des kommenden Tages. Morgens sollte es Cytotec geben, mittags wieder, am Nachmittag noch eine Tablette und im blödesten Fall noch am Abend eine. Das Kind würde vermutlich nicht nur an einem geraden Tag und erst nach dem Wehen-Gel an Tag 3 kommen, sondern auch völlig ungewöhnlich am Nachmittag oder Abend. Es war alles so anders als bei den Geburten vorher und das bescherte mir ein noch seltsameres Gefühl.

Wie schön wäre es gewesen, hätte auch die 5. Geburt ganz spontan nachts zwischen 1 und 3 Uhr mit einem Blasensprung oder regelmäßigen Wehen begonnen, ich wäre nach 1-2 Stunden in den Kreißsaal gegangen und morgens hätten wir den Kleinen in den Armen halten können – an einem ungeraden Tag, genau wie seine Geschwister am Morgen, ganz in Ruhe und binnen ein paar Stunden. Ich stellte mich unter die Dusche (und später fest, dass es in Komfortzimmern für 92 € nicht zwangsläufig Handtücher gibt…), zog mir eine bequeme Hose und ein Shirt an, legte mich gegen halb eins ins Bett und tippte noch ein wenig auf dem Handy. Ich war unruhig und nervös. Trotzdem schlief ich kurz ein, jedenfalls muss es so gewesen sein, denn als ich wenige Minuten später aufwachte, merkte ich ein Ziehen im Bauch. Ich überlegte, ob der Cocktail tatsächlich noch 14 Stunden später zu Durchfall führen würde. 4 Minuten später beantwortete sich die Frage ganz alleine: Wehen! Die Nervosität war wie weggeblasen, ich empfand Genugtuung. Das klingt im ersten Moment seltsam, aber es kam, wie es kommen musste. Der Tag war ungerade, es war zwischen 1 und 3 Uhr und der Ticker zeigte SSW 40+4. Unser Osterhäschen würde das dritte Kind sein, das vier Tage nach dem errechneten Termin das Licht der Welt erblicken würde.
Die nächsten Wehen, die im 5-Minuten-Takt kamen und die ich schon veratmen musste, ertrug ich noch im Bett, kurz vor 2 Uhr stand ich auf und lief. Der Kreißsaal war acht Stockwerke entfernt und ich wurde das Gefühl nicht los, dass – wenn ich erst einmal dort wäre – ich wieder auf einem Bett landen würde und von da nicht mehr aufstehen durfte. Ich blieb noch eine halbe Stunde auf Station bis ich mich auf den Weg zum 5. Stock machte. Die Hebamme lächelte und brachte mich zum CTG. Ich musste nicht liegen, sondern durfte stehenbleiben. Nun spielte allerdings mein Kreislauf verrückt. Die Wehen kamen mittlerweile regelmäßig alle drei Minuten und dauerten ungefähr 60 Sekunden. Am Ende jeder Wehe wurde mir schwindelig und ich wurde unruhig. Mein Blutdruck lag bei 80/40 und die Welt drehte sich. Die Hebamme brachte eine Infusion. Währenddessen kamen die Wehen zügiger und waren mittlerweile recht schmerzhaft geworden. Sie untersuchte den Muttermund und stellte fest, dass er schon 4-5 cm geöffnet war. Wenn mein Mann bei der Geburt dabei sein wollte, sollte ich ihn jetzt anrufen. An die folgende Stunde erinnere ich mich kaum, die Wehen waren sehr stark geworden, die Pausen dazwischen kürzer, mir war schwindelig und ich lag irgendwann auf einem Kreißbett. Carsten war zwischenzeitlich gekommen und hielt abwechselnd meine Hand und seine, die ich zerquetschte. Gegen halb 6 piepste das CTG ununterbrochen, weil die Herztöne des Osterhäschens absackten und teilweise ganz verschwanden. Ich erinnerte mich kurz an die Geburt unserer Nummer 2, bei der eine angsteinflößende und schreckliche Hektik aufkam und plötzlich fünf oder sechs Personen schrien, dass das Kind stirbt. Die Hebamme streichelte meine Hand, holte mich zur aktuellen Geburt zurück und wies mich an ganz ruhig mitzuschieben. Das Baby drückte nach unten. Ich spürte wie er sich ganz sanft auf die Welt kämpfte. Es war still, der Moment war ruhig und entspannt, ich weiß nicht, ob das CTG nicht mehr piepste oder der Ton abgeschaltet war, aber ich fühlte mich völlig gelöst und wusste, dass die Hebamme, die meinen Bauch sanft massierte, die Situation trotz allem unter Kontrolle hatte und alles gut würde. Es vergingen einige Minuten bis zur nächsten Wehe, die wir nutzen konnten. Mit aller Kraft, die ich noch hatte, schob ich mit und spürte, wie das Köpfchen geboren wurde. Die Hebamme lächelte, Carsten seufzte erleichtert und wir warteten gemeinsam auf die letzte Wehe, die auch den Rest des Körpers zum Vorschein brachte. Magie! Da war sie wieder. Die Magie des ersten Augenblicks. Und da war unser Osterhäschen. Winzigklein, ein bisschen blau, aber es schrie. Es schrie sich in unsere Welt und wurde ganz ruhig als es mir auf die Brust gelegt wurde. Ich seufzte. Draußen wurde es hell, es war 5:52 Uhr.

SSW 40+4
17. April 2014
05:52 Uhr

Unser Osterhäschen ist geschlüpft!

Neugeborenes

 

 

Nachtrag:
„Otto“ hatte einen echten Nabelschnurknoten, der sehr wahrscheinlich auch die schlechte Versorgung am Ende verursachte. Er wog genau 3.000 g und war 50 cm groß. Ich habe ein paar harmlose Abschürfungen davongetragen und mir geht es gut. Wir waren um 13 Uhr schon wieder zuhause und lernen uns jetzt erst einmal richtig kennen. Und um die Frage aller Fragen zu beantworten: „Otto“ hat noch keinen echten Namen…