Stillen zu können ist eine ganz wunderbare Sache, die sich die Natur clever ausgedacht hat: Muttermilch ist jederzeit und schnell verfügbar, immer adäquat temperiert und das Baby muss nicht lange warten bis sein Hunger gestillt ist. Stillen kann vor Allergien schützen, Antikörper in der Muttermilch verhelfen dem Nachwuchs zu einer guten Immunabwehr. Stillen ist natürlich, es bedeutet viel Nähe zum eigenen Kind, es sorgt dafür, nachts nicht aufstehen zu müssen, um Fläschchen zuzubereiten. Wissenschaftler, Hebammen und Freundinnen empfehlen das Stillen in den ersten Lebensmonaten, die WHO freut sich über Mamas, die über das 1. Lebensjahr hinaus ihrem Baby die Brust geben, Mamas Nase gefällt der angenehm duftende Stillstuhl, Papa die Tatsache, dass Mama sich nachts um den Nachwuchs alleine kümmert. Keine Fertignahrung bietet so viele ganz wunderbare Vorteile für den Nachwuchs wie Muttermilch, sagen gar die Hersteller von Fläschchennahrung – aber nur deshalb, weil sie es müssen. „Stillen ist das Beste für IHR Kind.“ Doch wer fragt mich?

 

Katzenbabys bei ihrer Mutter

Vorab:
Ich stille mein Baby ebenso wie ich seine drei Geschwister in den letzten Jahren gestillt habe und das nicht aus irgendeiner Verpflichtung oder einem Zwang heraus, sondern deshalb, weil ich das Stilllen für gesund halte und von Natur aus ein bequemer Mensch bin. Ich fühle mich wohl dabei. Aber… selbst in unserer sonst sehr guten Stillbeziehung gibt es diese Momente, in denen ich mich frage, warum ich genau hier und jetzt stille und nicht einfach ein Fläschchen zubereite. Ich nenne das Stillfrust und dieser tritt bei mir immer ungefähr zum gleichen Zeitpunkt auf, nämlich dann, wenn das Baby zwischen 2,5 und 4 Monaten alt ist. Dass dies nicht nur mir so geht, beweisen die offiziellen Zahlen, die belegen, dass die meisten Babys entweder kurz nach der Geburt oder um den 3./4. Lebensmonat herum abgestillt werden. Und das hat tatsächlich Gründe.

Saugverwirrung, 8-Wochen-Schub, 12-Wochen-Schub, 19-Wochen-Schub, mein Stillbaby und ich:
Es gibt diese Babys, die vom ersten Zug an bis zum Ende der Stillzeit kontinuierlich gut trinken. Jedenfalls lese ich manchmal davon und schaue ein wenig ungläubig drein, weil tatsächlich alle meine Kinder Phasen hatten, in denen ihnen während des Stillens vieles wichtiger war als die Nahrungsaufnahme selbst, z. B. Umherzugucken und dabei mit dem Mund an der Brustwarze zu zerren, zu verdauen, mit den Beinchen zu strampeln und dabei alle 2-3 Sekunden die Brust mit dem Kiefer zu zerquetschen, zu schreien oder das Andock-Abdock-Spiel bis zur Perfektion zu üben. Unser Zwergenkönig spielt mit mir seit etwa geraumer Zeit 1-2mal pro Tag ein ganz anderes Spiel, das etwa so funktioniert:
Ich lege den Kleinen an, er trinkt 4 Sekunden lang, schreit, wendet sich zur Seite, schreit, dockt an, windet sich, schreit, dockt ab, an, ab, an, schreit und trinkt wieder 2 Sekunden lang. Man könnte mutmaßen, dass er keinen Hunger hat, sein Weinen und Krakelen in 240 Dezibel lassen jedoch etwas anderes vermuten. Was genau die Ursache für dieses Verhalten ist, kann ich nicht sagen, ich weiß nur, woran es nicht liegt: Das Kind hat zu diesem Zeitpunkt eine saubere Windel, es ist hungrig, es hat allem Anschein nach keine Bauchschmerzen, es ist genug Milch vorhanden, der Milcheinschuss ist nicht zu stark, wir befinden uns in einer ruhigen Umgebung und ich habe kein anderes Duschgel oder Parfum benutzt. Außerdem habe ich keinen Knoblauch gegessen, von dem ich mittlerweile weiß, dass er ihn nicht mag und noch weniger verträgt. Ich vermute bisweilen eine Mischung aus Überforderung, Neugier, Wachstums- und Entwicklungsschub, Zahneinschuss, Hunger und Phase. Genau, eine Phase. Es ist nur eine Phase und geht vorbei, doch steckt man erst einmal mittendrin, ist einem dieses „es ist nur eine Phase“-Gerede völlig egal und man wünscht sich nichts sehnlicher als dass dieser Zustand vorbei ist.

Bewältigungsstrategien für gestresste Mamas von Stillbabys mit Phasen
Ich habe für solche Still-Kind-Phasen-Situationen einige Lösungsansätze ausgearbeitet, die allesamt nicht funktionieren. Zunächst lege ich das Kind an der anderen Brust an in der Hoffnung, es hätte eine punktuelle Abneigung gegen die linke Seite entwickelt. Dies ist grundsätzlich nie der Fall, denn die Situation wiederholt sich. Wieder schreit das Baby. Ich nehme es hoch und trage es eine Weile brüllend umher. „Herrje, wieso trinkt dieses Kind nicht einfach?“ schreie ich während mein Baby darauf keinerlei Reaktion zeigt, da es mich ohnehin nicht hören kann während es doppelt so laut „wäh“ brüllt.

[Ich lasse an der Stelle den Part mit dem Fliegergriff, die Geschichte vom Kirschkernkissen und der Bauchmassage und den Absatz über den Schnuller, der in diesem daueroffenen Mund ohnehin keinen Halt findet, weg.]

Ich lege mich mit dem Kleinen ins Bett, um eine ruhige Umgebung zu schaffen, lege ihn erneut an oder versuche dies zumindest und ernte auch hier erneut Gebrüll. Ich verfluche mich dafür, dass ich rein vorsorglich keine PRE-Nahrung gekauft habe, weil ich vorab bereits ahnte, dass ich in solchen Situationen schwach werden könnte und zugreifen – und das obwohl ich mir fast sicher bin, dass er sie in einer solchen Situation auch nicht nähme (er aber dann wenigstens die Flasche zerkauen würde und nicht mich). Ich stehe mit dem Kind auf und „lasse sein Weinen zu“, was ein Rat diverser Hebammen ist, die vermutlich auch nicht wissen, warum mein Kind genau hier und jetzt schreit und schlechten Gewissen geplagten Stillmüttern so ein besseres Gefühl geben wollen. Irgendwann ziehe ich meinen Mann zu Rate, der die Situation bereits kennt und schaue ihm dabei zu, wie er das Weinen zulässt, weil er ebensowenig wie ich etwas dagegen tun kann. Ich verfluche Mütter, die behaupten, dass Stillen etwas ganz wunderbares ist und es kein schöneres Erlebnis im Leben einer Mama geben kann. Ich denke an Mütter, die sagen würden, dass sie das ganz bestimmt nicht mitmachen würden und überlege, ob ich zur verbissenen Fraktion der Stillmamas gehöre, die um alles und jeden Preis unbedingt stillen wollen. Ich antworte dem großen Kind auf die Frage, warum sein Bruder immer noch weint, damit, dass er eine Phase hat. Ich setze mich an den Küchentisch und seufze bis… ja, bis dieses Kind von jetzt auf gleich einfach so und ganz urplötzlich verstummt und als ich es betrachte obendrein grinst. 

Ich merke, wie eine Last von 34,7 Tonnen von mir abfällt, setze mich, lege das Kind an und es trinkt – und zwar so als hätte es die 30 Minuten davor nie gegeben. So als wäre es eins dieser Kinder, das vom ersten bis zum letzten Zug ruhig und entspannt an Mamas Brust liegt und Nahrung zu sich nimmt. Nein, es IST jetzt und in diesem Moment tatsächlich eins dieser Kinder und wir haben genau in diesem Augenblick eine wundervolle, perfekte und glückliche Stillbeziehung.

Wach auf – das Leben beginnt!
Ich halte die Zeit zwischen dem 3. und 4. Lebensmonat für eine der schwierigsten innerhalb der Stillbeziehung zwischen Mama und Kind. Es ist die Zeit, in der sich die Muttermilch umstellt, in der das Baby wächst, einen höheren Bedarf an Nahrung hat und viel dazulernt. Die ersten Greifversuche, bald auch ggf. die erste Beikost, das Baby wird wacher. So viel geht in diesem kleinen Köpfchen vor, das verarbeitet werden muss. Die Arm-Bein-Koordination wird erlernt, die Finger öffnen sich, Babys schlafen jetzt länger am Stück. Sie erkennen ihre Umwelt und nehmen alles um sie herum viel klarer und deutlicher wahr. Die erste Eltern-Kind-Interaktion findet statt. So viel was in dieser Zeit passiert und so vieles, was die Stillbeziehung aus ihren festen Bahnen lenken kann. Zeitgleich so viele Stimmen von außen, die von zu wenig Milch und von Babys, die auch mit Flasche groß werden, reden. Vielleicht auch das eigene Gefühl zu versagen.

Und bei alledem behaupte ich dennoch, dass es eine Phase ist. Eine Phase, die vorübergeht und die man bewältigen kann – mit viel Ausdauer, Nerven wie Drahtseilen und einem starken Glauben, daran, dass es sich wieder ändern wird. Stillen ist das Beste für mein Kind. Und für mich. Nicht weil das andere behaupten und auch nicht, weil Flaschennahrung böse ist. Nicht weil ich mir selbst etwas beweisen will und schon gar nicht anderen. Dieser Zustand ist eine Phase und diese Phase vergeht. Weil sie immer vergangen ist. Stillen ist das Beste für mein Kind, weil es das Beste für mich ist. Jetzt, momentan und für diesen Moment.

Wir stehen das gemeinsam durch und kämpfen zusammen, weil wir wissen.
Muttermilch ist jederzeit und schnell verfügbar, immer adäquat temperiert und das Baby muss nicht lange warten bis sein Hunger gestillt ist. Stillen kann vor Allergien schützen, Antikörper in der Muttermilch verhelfen dem Nachwuchs zu einer guten Immunabwehr. Stillen ist natürlich, es bedeutet viel Nähe zum eigenen Kind, es sorgt dafür, nachts nicht aufstehen zu müssen, um Fläschchen zuzubereiten. Wissenschaftler, Hebammen und Freundinnen empfehlen das Stillen in den ersten Lebensmonaten, die WHO freut sich über Mamas, die über das 1. Lebensjahr hinaus ihrem Baby die Brust geben, Mamas Nase gefällt der angenehm duftende Stillstuhl, Papa die Tatsache, dass Mama sich nachts um den Nachwuchs alleine kümmert. Keine Fertignahrung bietet so viele ganz wunderbare Vorteile für den Nachwuchs wie Muttermilch, sagen gar die Hersteller von Fläschchennahrung – aber nur deshalb, weil sie es müssen.

Und keiner weiß so gut wie ich, dass diese Phase vergeht. Ganz bald schon und alles wird wieder gut. Bis zum nächsten Kind –

 

Baby Engelslächeln

 

 

 

Hinweis: Dies ist kein Stillplädoyer. Es ist kein Angriff auf Mütter, die nicht stillen. Es ist kein Angriff auf Mütter, die stillen. Es ist überhaupt kein Plädoyer, es ist überhaupt kein Angriff. Es ist kein Text, der Wert auf Vollständigkeit legt. Ebensowenig legt er Wert darauf, die allumassende Wahrheit, Lösungsansätze oder sonst etwas wertvolles zu vermitteln. Es ist ein Text, der nachts um 4 Uhr entstand, weil er entstehen musste.