Wohnpsychologie: Was unsere Tapeten über uns verraten – oder auch nicht.

Wohnpsychologie: Was unsere Tapeten über uns verraten – oder auch nicht.

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Ungefähr alle ein bis drei Jahre beschäftige ich mich mit dem Thema Tapeten. Das liegt nicht daran, dass ich gerne dekorieren, (um)gestalten oder tapezieren würde, sondern begründet sich darin, dass das in der Vergangenheit der Zeitpunkt war, zu dem wir – wieder einmal – umzogen. In den letzten neun Jahren haben wir viel und oft – im wahrsten Sinne des Wortes – Tapeten gewechselt und dass ich gerade heute wieder über Tapeten nachdachte, hat zur Abwechslung einmal nichts mit einem nahenden Umzug zu tun, sondern mit unserem Sohn. Er, das älteste dieser sechs Kinder, liebt es, unsere Wände mit Kreuzen, Pfeilen und anderen Markierungen zu versehen und mag dabei so gar nicht verstehen, dass wir seine Gestaltung nicht optimal finden und da einen anderen Geschmack haben als er… 

Was sagen unsere Tapeten eigentlich über unser Kind?

Pfeile auf der Wand

„Jeder bringt seinen eigenen Charakter in die Gestaltung der eigenen vier Wände mit ein“, behauptet der Wohnpsychologietest von Style Your Castle und ich muss unweigerlich lachen. Ginge es nach mir, hätten vermutlich alle unsere Räume Streifentapeten in maritimen Farben oder wären lustig bunt-gepunktet, aus der Not heraus (Zeit? Hat irgendwer Zeit für mich übrig?) haben wir das Haus und die Räume – mit hauptsächlich weißen Rauhfasertapeten – vor 2,5 Jahren so übernommen wie sie waren und haben den Zustand bis heute nicht verändert. Wir nicht. Das Kind, wohl zur Spezies wild und kreativ gehörend, hat dafür keine Gelegenheit ungenutzt gelassen, sein Revier zu markieren. Charakter hat der Junge durchaus und gewiss geben all die Pfeile, Striche, Kreuze und Wegmarkierungen auch einen interessanten Einblick in seine Welt, trotzdem bin ich es mittlerweile ziemlich leid, jeden Monat aufs Neue Schmutzradierer im 10er-Pack zu kaufen und alle Nase lang auf irgendwelchen Wänden, Lichtschaltern, Fußböden oder Türen damit herumzuwischen, um die Gestaltung des Hauses wieder auf Werkseinstellung zurückzusetzen. 

„Mein Kind würde so etwas nur ein einziges Mal machen“, höre ich den ein oder anderen von euch sagen und da bin ich unsicher, ob ich schmunzeln oder weinen soll, denn: Alle unsere anderen Kinder haben „so etwas“ tatsächlich höchstens ein einziges Mal in ihrem Leben gemacht und es nach einem eindringlichen Gespräch mit mir wieder gelassen. Dieser Junge indes, der bereits im zarten Alter von drei Jahren aus dem Kindergarten mit gezeichneten Schatzkarten, selbst erstellten Wörter-Such-Rätseln und zig Blättern Papier, auf denen er sich Geheimschriften ausgedacht und niedergeschrieben hatte, zurückkam, dem fällt das „Seinlassen“ ungefähr so schwer wie anderen Menschen das Atmen. Ich möchte es ungern Zwang nennen, was er da hat, es handelt sich jedoch um ein Verlangen, das er eben nicht „einfach“ abstellen kann. Seine – bezeichnen wir es als Kreativität – muss aus dem kleinen, großen Kopf heraus und an die Wand oder den Fußboden. Hat er einen Stift in der Hand, macht der sich quasi selbständig und kritzelt von alleine („Ich war das nicht!“) frohe Botschaften in unsere Räume und da ich das auch nach Monaten eben nicht abgestellt bekomme, lösen wir das Problem nun anders: Wir lassen ihn einfach. Nicht überall und nicht wahllos, aber in seinem Zimmer. Dort darf er gerne Schatzkarten, Labyrinthe, geheime Botschaften, die nur er versteht, Schlangenlinien, Pfeile, Kreuze und all die anderen Auswüchse seiner Kreativität an die Wand zeichnen. Gerne darf er da auch kleben, mit dem Zirkel hantieren und irgendwelche Berechnungen niederschreiben – wer weiß, vielleicht widerlegt er damit sogar die Relativitätstheorie und bekommt irgendwann in 200 Jahren posthum den Nobelpreis verliehen…

Wir jedenfalls wollen unsere Energie nicht mehr aufs Radieren und Diskutieren ver(sch)wenden, sondern werden nun teilweise tapezieren, teilweise streichen und das Kind kritzeln lassen. In seinem Zimmer. Ob das erziehungsratgeberkonform, attatched genug, un-erzogen, laissez-faire oder pure Resignation ist, ist mir dabei übrigens ziemlich egal, weil WIR alle damit klarkommen müssen.  Möge es funktionieren! Amen.

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Kerstin ist Mama von vier wunderbaren Söhnen, einer redseligen kleinen Trulla und der Dezemberhexe. Sie baut Legotürme, stürmt mit wilden Playmobilpiraten kitschige Prinzessinnenschlösser und sucht täglich Antworten auf kuriose Kinderfragen.

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2 Kommentare

  1. Danke!
    Ich lese deinen Blog daher so gerne, weil du dort bist, wo jedes Elternteil hingehört: auf die Seite der Kinder, mit all ihren Eigenschaften und Charakterzügen.
    Mein Sohn hat auch Eigenschaften, die wir lange gerne abgeschaltet hätten. Bei ihm waren es (unter vielem anderen) die Stop-Schilder an jeder Wand und Tür im Haus (im Alter von ca. 3) mit anschließendem Zusammenbruch des Kindes, wenn man das Schild „rechtswidrig“ übertreten hat. Die Schilder hingen ca. 3 Jahre hier, und erst als er in die Schule kam, habe ich sie eines Nachts entfernt / entfernen dürfen.
    Inzwischen weiß ich, dass man Kinder zwar ein Vorbild sein kann, aber seine Vorlieben nicht abschalten kann, ohne auch in seinem Charakter etwas abzuschalten.
    Sprüche wie: „bei uns wäre das nur einmal / keinmal passiert“ zeugen nur davon, dass andere Leute andere Kinder haben, die andere „Eigenschaften“ haben, die vielleicht auf den ersten Blick konformer mit dem gehen, was wir ein geregeltes Leben nennen.
    Liebe Grüße,
    Annika

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  2. Wir stehen jetzt hier vor der Herausforderung das Wohnzimmer neu zu tapezieren. Einem Wasserschaden sei Dank…
    Zum Glück kommt die Versicherung dafür auf und wir haben nun die Qual der Wahl eine neue Tapete zu suchen. Mir wären zwar Verblender lieber, aber meiner Frau gefällt Tapete besser. Nun werden wir am Samstag den Web in den Baumarkt antreten und uns wahrscheinlich für weiß entscheiden ;)

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